Politik in der Verantwortungsfalle

Zu der allgegenwärtigen Krise gehören auch die allgegenwärtigen Retter. “Man müsse etwas tun… “ hört man genauso wie: “Die Menschen erwarten von der Politik, dass… “. Vor allem im Wahlkampf erscheint es für einzelne Politiker, allen voran der in den Umfragen unterlegene Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier verlockend ein paar Wählerstimmen mehr zu gewinnen, mit groß angelegten staatlichen Rettungsprogrammen, Bürgschaften, Massekrediten und der angedachten Verpflichtung der Banken zur Kreditgewährung. ( Handelsblatt.com ) Opel  und Quelle sind nur die Spitze des Eisberges, Heidelberger Druck (welt.de – Staatshilfen für HD) bekommt ebenso Staatshilfe wie jeder Besitzer eines 9 Jahre alten Autos.

Aber nicht nur bei der Bekämpfung der Wirtschafts- und Finanzkrise, überall versuchen Politiker Kompetenzen an sich zu reißen und den Entscheidungsspielraum des einzelnen Bürgers zu begrenzen. Geht es um Web-Sperren für Kinderpornographie fällt es jedem Kritiker schwer nicht unter einen Verdacht zu fallen selbst etwas mit diesen dunklen Machenschaften zu tun zu haben(Jürgen Tauss). Provider die auf eine gesetzliche Regelung dringen werden öffentlich im Bundestag angeprangert. Selbst die Ermahnung des Bundestagspräsidenten hielt den Betreffenden nicht davon ab. Gutachten die die Rechtmäßigkeit des Gesetzes anzweifeln werden nicht gehört  und Online Petitionen trotz hunderttausender Unterzeichner ignoriert. Vor Allem die in dem Gutachten angezweifelte Zuständigkeit des Bundes sollte alle hellhörig werden lassen.

Zentralisierung der Kompetenzen

Die föderale Struktur der Bundesrepublik wird aber auf vielen Wegen ausgehöhlt. Nicht erst seit der letzten Föderalismusreform zieht der Bund immer mehr Kompetenzen an sich. Der Grund liegt meiner Meinung nach vor allem in einem gesteigerten Kontrollbedürfnis. Mittlerweile kann die Politik eines Nationalstaates nur noch begrenzt Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nehmen. Außerdem werden immer mehr Kompetenzen an supranationale Organisationen abgegeben. Dieser Kompetenz- und Einflussverlust führt zu einer Ausdehnung in die föderale Struktur darüber hinaus in das tägliche Leben des Einzelnen. Immer mehr Vorschriften, Regelungen und Staatseingriffe in die Wirtschaft sollen diesen Kontrollverlust ausgleichen.

Die Eingriffe und Regelungen führen aber regelmäßig zu Verantwortung. Durch seinen Eingriff übernimmt der Bund die Verantwortung für das Funktionieren immer kleinerer Teile des großen Ganzen. Daraus erwächst in der Konsequenz ein immer größerer Regelungsbedarf. Da das Gesamtsystem so komplex ist führt jeder Eingriff zu einer Verwerfung an einer anderen Stelle. Die Probleme der Regierung einzelne Gesetze verfassungskonform zu formulieren und gleichzeitig keine Lücken zu lassen, sind ein deutliches Anzeichen dafür.

“den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen”

In der Folge ergeben sich zwei Wirkungen: Zuerst müssen sich selbst die höchsten Entscheidungsgremien im Bund an kleinsten Erfolgen oder Misserfolgen messen lassen. Erfolge in den Verhandlungen um Opel werden wie bahnbrechende Durchbrüche in der Erforschung der Kernfusion gefeiert und minimale Ausschläge in den Konjunkturdaten bringen quasi wöchentlich die Wende in der Krise. Sie sind ja die messbaren Ergebnisse dieser kleinen Eingriffe.

Durch die immer detaillierteren Eingriffe und umfangreichere Gesetzeswerke blockieren sich diese Gremien zweitens selbst. Kein Regierungsvertreter oder Abgeordneter kann mehr alle Sachverhalte erfassen, es wird durch Zusammenfassung und Verdichtung versucht der Datenflut Herr zu werden. Dabei entgehen dem Einzelnen durchaus wichtige Details, eine prinzipiell gute Idee muss in der Praxis noch lange nicht funktionieren.

Um die komplexen Zusammenhänge zu erfassen wird immer mehr Zeit aufgewendet, immer neue Ausschüsse und Gremien sollen Detailprobleme lösen. Das verstärkt die Datenflut aber nur weiter, diese Ausschüsse produzieren ihrerseits neue Daten, geben Studien in Auftrag und fassen Beschlüsse. Das Filtern relevanter Informationen aus den Daten wird noch schwieriger. Dafür werden wieder neue Ausschüsse und Besprechungen anberaumt und Experten beauftragt. Man verliert sich in Einzelfragen, Details werden immer und immer wieder durchgekaut und am Ende steht ein für alle Seiten unbefriedigender Kompromiss.

Dieses Verzetteln in Details raubt den Blick für das große Ganze, die Auswirkungen der Eingriffe in anderen Bereichen werden nicht in den Zusammenhang gebracht sondern ihrerseits mit Detaileingriffen bekämpft. Effektive und nachhaltige Ordnungspolitik die verantwortungsvoll einen Rahmen für das Handeln des Einzelnen vorgibt ist so nicht mehr möglich. Am Ende kann nur das Scheitern jeder Politik stehen, die Regelung jedes noch so kleinen Details ist schlichtweg unmöglich.

Die Politik muss also wieder lernen den nachgeordneten Bereichen zu vertrauen, dass diese ihre Probleme im kleineren Rahmen viel besser lösen können als durch dirigistische Eingriffe. Dann kann sich die Bundesebene wieder auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren, zum Beispiel verbindliche Regeln zur Netzneutralität aufzustellen, die Breitbandinfrastruktur voranzutreiben oder einfach mal die Steuerreform anzupacken.


Steinmeier und die Medien

Frank-Walter Steinmeier geriert sich gern als die echte Alternative zu einer im „weiter so“ verharrenden Kanzlerin. Die Äußerungen zu seinen medienpolitische Plänen fanden jedoch gerade in den neuen Medien eher ein geteiltes Echo. Auf folgende Punkte möchte ich besonders hinweisen:

1. Ein zeitgemäßes Medienkonzentrationsrecht, das vor allem auch der Entwicklung der Speichermedien (on demand) Rechnung trägt und neue Vermachtungsstrukturen (Google und Co.) klein hält.

2. Erleichterungen im Pressefusionsrecht für die Zeitungen sowie die Einführung eines Leistungsschutzrechts für Verlage im Urheberrrecht, damit kostspielig erstellte Inhalte nicht beliebig kostenlos kommerziell verwertet werden können.

3. Ein Rechtsrahmen für Internetangebote, der sicherstellt, dass die sich heute schon abzeichnenden und die schon realisierten Möglichkeiten des Missbrauchs die positiven Möglichkeiten nicht verdunkeln. (Quelle: siehe Link oben)

Da waren sie wieder die Überzeugungen von Menschen die selbst wohl noch nicht im Internet waren, deren Facebook-Accounts gemanaged werden und die den Wahlkampf im Internet führen müssen weil man das eben heute so macht.

Das könnte man so glauben, vor allem nach den üblichen Äußerungen der letzten Zeit aus diesen Kreisen. Ich habe mich da aber an einen anderen Aspekt erinnert der vor allem die ersten beiden Punkte in ein etwas anderes Licht taucht.

Die SPD als Medienunternehmer

Die SPD besitzt über ihre Medienholding DDVG Anteile an fast allen regionalen Tageszeitungen. Diese Verlagsholding hat in den letzten Jahren mit ihren Gewinnen für ein sattes Plus in der Parteikasse gesorgt. Im Jahr 2008 gingen 8,1 Mio. € nach Steuern an die SPD, im Jahr davor waren es sogar 11,4 Mio. € (Quelle: manager-magazin.de). Über diese Holding verfügt die SPD über große Anteile an der Frankfurter Rundschau, Regionalzeitungen aus Franken, Sachsen und Schleswig-Holstein.

Nicht nur die Sächsische Zeitung aus Dresden oder der Nordbayrische Kurier aus Bayreuth gehören zur Holding, über die Verlagsgesellschaft Madsack aus Hannover ebenfalls noch die Leipziger Volkszeitung und die Hannoversche Allgemeine. Diese Gesellschaft hält außerdem noch Anteile an AZ Media TV (90%), einen wichtigen Inhaltslieferanten für Reportagen vor allem für die  RTL-Group sowie Anteile an mehreren regionalen Radiosendern.

Insgesamt ist die Medienholding wohl schon öfter in der politischen Kritik gewesen, der Link „Behauptet wird… wahr ist…“ ist ein Versuch der Kritik pro aktiv zu begegnen. So richtig überzeugt die Argumentation nicht, gerade diese Rechtfertigung hinterlässt einen faden Beigeschmack. Das komplette Organigramm der Holding offenbart auch ein weitverzweigtes Geflecht an Beteiligungen.

Keine Propagandamaschine

Damit soll nicht erneut eine politische Einflussnahme vermutet werden, diese ist durch die aktuellen kartellrechtlichen Bestimmungen nahezu ausgeschlossen. Mir geht es hier darum deutlich zu machen das der Kanzlerkandidat der SPD aktiv eine Veränderung dieser kartellrechtlichen Bestimmungen fordert und unabhängige Konkurrenz wörtlich „klein“ halten will. Wenn der SPD jetzt schon die Mitglieder weglaufen muss man wenigstens die anderen Einnahmequellen sichern. Eine derartige Einflussnahme zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil steht gerade Sozialdemokraten wohl eher nicht gut.

Es soll hier explizit nicht vor den politischen Gefahren einer oligopolen Presselandschaft gewarnt werden, diese Schlussfolgerung mag jeder für sich selber ziehen. Es geht vor allem um die Doppeldeutigkeit des Medienpolitischen Programms. Unter dem Deckmantel des Bestandschutzes des öffentlichen Diskurses wird knallharte Machtpolitik zur Durchsetzung der eigenen unternehmerischen Ziele betrieben. Da hilft auch die Zitation von Habermas nicht viel, ebenso wenig der Hinweis auf die Rolle der Medien in der politischen Wende von 1989.

Wenn man schon als Unternehmer in der Marktwirtschaft agiert dann sollte man auch den Markt erhalten wollen. Die Aussagen des Kanzlerkandidaten lassen aber die Vermutung zu, dass hier das politische Gewicht genutzt werden soll um mehr Einfluss am Markt zu haben.

Blumig wird im Medienpoltischen Programm die Funktion der Medien und das Marktversagen beschrieben, dieses Marktversagen scheint aber vor allem die Medien der DDVG zu betreffen, deren Überschüsse trotz massiver Internetpräsenz immer weiter absinken. Hier soll es nun die staatliche Regulierung richten. Eine ehrliche Politik sieht anders aus.


Neu? – Nein, nur frisch gewaschen!

Heute morgen habe ich auf dem Weg zum Arbeit einen gutes Interview mit dem Landesvorsitzenden der FDP Sachsen Holger Zastrow gehört. Er sagte unter anderem:

Wir haben in dieser Krise doch ne sehr eigenartige Diskussion bekommen. Für mich als Ostdeutscher auch ne etwas gefährliche Diskussion, denn ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so oft hinstellen muss und ganz alleine stehe, wenn ich die Werte von 1989, wenn ich all das, wofür wir 1989 gerade hier in Sachsen auf die Straße gegangen sind, verteidigen muss. (Holger Zastrow am 31.08.09 im DLF )

Auf die weitergehende Frage was er denn verteidigen müsse antwortete er die Marktwirtschaft, man hätte mit alten sozialistischen Ideen versucht der Krise zu begegnen. Heute Abend, auf dem Rückweg musste ich dann hören wie Bundeswirtschaftsminister zu

Guttenberg und Bundesfinanzminister Steinbrück weitere Milliarden Staatsgelder in den Kreditmarkt pumpen wollen. Vor allem durch die Gewährung von Globalkrediten soll die Geldversorgung der kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) sichergestellt werden, das ganze wird dann mit voller Risikoübernahme bei Exporten flankiert. Das Grundproblem der Maschinen- und Anlagenbauer ist eine gesicherte Vorfinanzierung ihrer Bauvorhaben. Vor allem in politisch und wirtschaftlich instabilen Regionen erhalten sie nur selten die benötigten Mittel von den Banken. Hier springt eine Tochterfirma der Allianz als Kreditversicherer ein, die in Paris ansässige Hermes-Versicherung. In der letzten Wochen haben sich auch hier die Finanzierungsbedingungen verschlechtert, die Firmen müssen fast die vierfache Prämie entrichten. Hier will der Minister einspringen und der KfW Mittel zum Ankauf derartiger Versicherungen zur Verfügung stellen. ( Quelle: sueddeutsche.de)

Gleichzeitig habe ich an eine Passage aus einer der Quellen für meine Magisterarbeit erinnert: Dem Schlussbericht der Enquete-Kommission “Überwindung der Folgen der SED-Diktatur
im Prozess der deutschen Einheit”. ( Drucksache 13/11000) Dort werden auf Seite 71 die Funktionsweisen und Grundprobleme der DDR-Wirtschaft beschrieben. Ein wesentliches Element der Wirtschaftskontrolle war die Bildung von Geldfonds, diese steuerten dann direkt die Wirtschaftsaktivitäten durch die strikte Gewährung von Geldmitteln an plankonforme Wirtschaftsvorhaben.

Irgendwie konnte ich mich da des Deja vú nicht erwehren. Ich gehöre garantiert nicht zu den Apologeten einer Sozialistischen Bundesrepublik Deutschland,  einige in der Krise vorgestellten Konzepte erinnern jedoch stark an schon mal dagewesene Ideen. Man kommt nicht gleich wieder bei der Staatlichen Plankommission raus wenn man in der Wirtschaftskrise die Nachfrage stärkt, einen so umfassenden Umbau hat die deutsche Wirtschaft jedoch seit 1950 nicht mehr gesehen. Das Recht auf Eigentum wurde eingeschränkt ( HRE, Commerzbank), der Staat bürgt für einen Autohersteller bei dem nicht mal klar ist ob seine Krise etwas mit der Finanzkrise zu tun hat und stützt einen  Warenhauskonzern der schon lange in die Krise getaumelt war als die ersten faulen Kredite an den Finanzmärkten auftauchten. Ein Ende ist dabei nicht abzusehen. Das Volumen des staatlichen Engagements in der Privatwirtschaft ist bisher noch gar nicht bezifferbar, erst wenn alle Sonderhaushalte offengelegt sind kann man sehen welche Gelder wohin fließen. Von einer Rückzahlung kann man dann ja noch lange nicht sprechen, in einigen Fällen sind die Totalausfälle wohl schon einkalkuliert. Wie eine eventuelle Verlängerung der Abwrackprämie zeigt gewöhnen sich Verbraucher und Wirtschaft schnell an die Subventionen, für eine strikte Abschaffung fehlen dann meistens politischer Wille und Mehrheiten im richtigen Moment. Wie das dann mit der im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse zusammenpasst muss jeder für sich selbst entscheiden. Man sollte nur zweimal hinschauen bevor man einem Etikett glaubt. 


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