Medieninkompetenz

Seit mehreren Monaten habe ich den RC von Windows 7 im produktiven Einsatz und bin damit absolut zufrieden. Es ist schnell, sieht gut aus und trägt mit der aktualisierten Aero-Benutzeroberfläche zu mehr Produktivität bei. Insbesondere die neue Taskbar und die Möglichkeit, beliebige Ordner übersichtlich in Bibliotheken zusammenzufassen, möchte ich nicht mehr missen.

Der offizielle Verkaufsstart des neuen Betriebssystems am 22. Oktober rückt immer näher, und da ist es nicht verwunderlich, dass auch die Mainstream-Medien mit der Berichterstattung beginnen.

Heute Morgen durfte ich gleich zweimal Zeuge dieser “Berichterstattung” werden, und zwar auf n-tv und N24. Angesichts dessen, was dort geboten wurde, kann man Stefan Niggemeier nur zustimmen, wenn er von Rumpelsendern und Mischsendern spricht. Die Bezeichnung “Nachrichtensender” könnte schließlich zu der irrigen Annahme verleiten, dass die Menschen, die dort Beiträge zusammenstricken, journalistische Kernkompetenzen wie Recherche und objektive Berichterstattung zur Grundlage ihrer Arbeit machten.

Weit gefehlt. N-tv Netzreporter Moritz Wedel präsentierte in seinem Beitrag ein paar Aufnahmen des Betriebssystems und stellte dabei insbesondere die Gadgets als große Neuerung heraus. Dass die bereits mit dem Win7-Vorgänger Vista eingeführt wurden, blieb dabei natürlich unerwähnt. Stattdessen phantasierte der “Experte” von n-tv über den angeblich enormen Leistungshunger dieser Gadgets (deren deutscher Name “Minianwendung” irgendwie nicht ganz dazu passen will) und schwadronierte von großen, starken Computern, die man brauche, um mit dem neuen System vernünftig arbeiten zu können. Illustriert wurde dieser hanebüchene Unsinn dann mit einem Ausschnitt eines Youtube-Videos, das die Bedienung eines TabletPCs zeigt. Dass das mit den Gadgets von Windows 7 nichts zu tun hat blieb dabei ebenso unerwähnt wie die Tatsache, dass auf den HP Touchsmart-PCs Windows Vista und nicht Windows 7 läuft. Abesehen davon scheint für Moritz Wedel ein zwingender Zusammenhang zwischen der Leistungsfähigkeit eines Computers und dessen physischer Größe zu bestehen. Das ist entweder völlig falsch, oder die Tatsache, dass Windows 7 auf meinem 13,3” kleinen Sony Vaio hervorragend läuft, ist pure Zauberei.

In der n-tv Mediathek findet sich ein weiterer Beitrag, der eindrucksvoll demonstriert, dass sich eine Minute Sendezeit und angemessene Information nicht unbedingt vereinen lassen. Die Tatsache, dass Windows 7 von den verbauten zwei Gigabyte Arbeitsspeicher doch tatsächlich einen Gigabyte benutzt, wird als Beweis für den angeblichen Leistungshunger des neuen OS präsentiert. Inwiefern es sinnvoll ist, verbauten Arbeitsspeicher nicht zu nutzen, bleibt das Geheimnis von n-tv, ebenso wie die Frage, was genau denn der ominöse “Tastenrechner” ist, der dem Sender laut O-Ton als Testsystem diente. Der arglose Zuschauer erfährt natürlich nichts von der exzellenten Speicherverwaltung des neuen Betriebssystems. Stattdessen muss er den Eindruck gewinnen, dass Windows 7 kaum Neuerungen im Vergleich zu Vista bietet, dafür aber deutlich schnellere und damit teurere Hardware braucht.

N24 geht bei der Berichterstattung einen anderen Weg. Anstatt auf eigene Expertise zu vertrauen, greift man auf externen Sachverstand zurück. Und wo findet man den? Natürlich bei der BILD. Folglich darf im Beitrag der “BILD-Computerexperte” seinen Senf zu Windows 7 abgeben. Überraschenderweise kommt er dabei zu völlig anderen Schlüssen als Moritz Wedel, denn er betont insbesondere die gute Skalierung des OS mit älterer Hardware. Insgesamt ist das, was er sagt, erstaunlich wenig falsch. Das passt natürlich nicht so gut ins restliche Programm, weshalb man sich bei N24 folgerichtig entschlossen hat, den Bericht über Windows 7 mit Screenshots und Videoaufnahmen vom mittlerweile über 8 Jahre alten Windows XP zu unterlegen. Es könnte ja sonst ein völlig falscher Eindruck entstehen…

Diese Schilderung ist natürlich nur eine Momentaufnahme, doch sie illustriert erstaunlich gut die Unfähigkeit des Fernsehens, seinen Zuschauern inhaltlich korrekte Informationen zu Computer- und Internetthemen zu vermitteln. Nach jedem tatsächlichen oder vermeintlichen “Amoklauf” überbieten sich die Sender mit Räuberpistolen über “Killerspiele”, deren Recherchequalität geradezu herausschreit, dass es nicht um Information, sondern um Meinungsmache geht. Auch die aktuelle Berichterstattung über Phishing bei Hotmail und anderen Mailanbietern gleicht mehr einem undifferenzierten Geschwafel über “Hacking” und “Datendiebstahl”. Dem technisch nicht so versierten Zuschauer wird nicht erklärt, wie Phishing funktioniert und dass er sich relativ einfach davor schützen kann, sondern ihm wird Angst gemacht. Angst vor der Sicherheit im Internet, Angst vor der vermeintlichen Unbeherrschbarkeit von Systemen, die auch bei den älteren Generationen mittlerweile Einzug in den Alltag gefunden haben. Die von Politikern aller Couleur mit ebenso wenig Sachkenntnis wie ein Mantra vorgetragene Forderung, dass Internet dürfe kein “rechtsfreier Raum” sein, erscheint da nur folgerichtig – hat mit den Tatsachen aber wenig zu tun.

Dieses offenkundige Versagen traditioneller Medien macht eins deutlich: Wer sich über Computer und Internet informieren möchte, muss das selbst tun. Am Computer. Im Internet.

UPDATE:

Wie Johnny Haeusler vom Spreeblick amüsant kommentiert, hat auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen so seine Schwierigkeiten mit der Thematik. Ob dem ZDF wirklich klar ist, worum es bei “Fisting-Attacken” geht, darf getrost bezweifelt werden:


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Onlinewahlkampf – so kann man es machen

Während Angela Merkel stolz ihre Erfolge in sozialen Netzwerken feiert, die bei genauerem Hinsehen nicht mal annähernd das Niveau der Kunstfigur Horst Schlaemmer erreichen zeigt die FDP wie man richtigen Online-Wahlkampf macht.

Youtube-Spot der FDP

Neben sehr amüsanten Youtube-Clips gibt es jede Woche eine nette Mail mit kleinen Ideen mit denen man selbst zum Wahlkämpfer mutieren kann:

Anbei finden Sie, wie gewohnt, 7 kleinere Wahlkampfideen für die kommende Woche:
1. Verschicken Sie den Link zum FDP-TV-Spot an 10 Freunde.
2. Spenden Sie ein Großflächenplakat mit Westerwelle über den 1-2-3 Service oder kaufen Sie sich Ihr ganz individuelles mit Ihrem eigenen Kopf und Ihrem eigenen Name über das Online-Tool des liberal Verlages.
3. Organisieren Sie eine blau-gelbe Radtour.
4. Schreiben Sie einen FDP-freundlichen Leserbrief an Ihre Zeitung.
5. Führen Sie ein Mini-Fundraising auf Ihrem Balkon durch – Kiste Bier, Kiste Politik und Kiste Geld für den Bürgerfonds.
6. Fragen Sie in Ihrem Wahlkreis oder über das MitMachZentrum nach den ersten Info-Ständen sowie nach regionalen Veranstaltungen und stellen Sie sich für ein paar Stunden zur Betreuung zur Verfügung.
7. Spendieren Sie Ihren Freunden einen Blau-gelben Drink.

Besondere Aktion:
Da sich 50% unserer Wähler erst in den letzten 3 Tagen vor der Wahl für die FDP entscheiden, unterstützen Sie die FDP in Sachsen, Thüringen, Saarland und NRW. Rufen Sie, smsen Sie oder mailen Sie 5 Freunden, Verwandten oder Bekannten in den wahlkampfführenden Bundesländern.

Dann  stolpert man schon über die nächste Aktion: Wahlkampffotos bei flickr oder mal einen Wahlkampfstand für ein paar Stunden betreuen so mobilisiert man die Webcitizen auch mal für Aktionen außerhalb des Web 2.0.

Das ganze soll trotz der nur schwer zu verbergenden Bewunderung für die Kampagne kein Wahlwerbeartikel werden, es geht hier einfach nur einmal darum zu zeigen welche Möglichkeiten man hat wenn man die Adressaten der Werbung ein wenig ernst nimmt.

Wenn man bei dieser Mediennutzung noch Netzneutralität und digitale Bürgerrechte zu seinen Kernanliegen macht dann können auch die Piraten dieses Schiff nicht mehr ins Wanken bringen. Die FDP versucht sich in allen Belangen als die neue bürgerliche Mitte zu präsentieren, leider ist das noch nicht so ganz im Programm angekommen. Es fehlen klare Aussagen zu Datenschutz und Persönlichkeitsrechten im Netz und vor allem zur bürgerlichen Freiheit allgemein, abseits von Steuerreform und Wirtschaftspolitik!

Das Medium ist nicht alles, auch die Botschaft sollte schlüssig sein!

UPDATE: Leider hat die Junge Union bewiesen wie man es nicht machen sollte! Wen will die JU damit überzeugen? Kindergartenkinder? Dann muss aber noch schnell das Wahlalter auf 4 gesenkt werden. Dann kann man auch Rolf Zuckowski engagieren und sich gar nicht mehr um Inhalte kümmern.

Das Video wurde mittlerweile entfernt, anscheinend sind die Reaktionen dann doch bis in die letzten vermieften Amtsträgerstuben durchgedrungen.

UPDDATE: Der Wahlfisch im Stern hat noch ein besonders gehaltloses Exemplar der Abteilung Online-Wahlkampf der CDU ausgegraben:


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Nachdem unsäglichen Auftritt einer jungen Nachwuchspolitikerin in Morgenmagazin des öffentlich-rechtlichen Fernsehens könnte man fast glauben das die Internetausdrucker bereits vor der Wahl gewonnen haben. Wer den Auftritt verpasst hat, kann ihn hier nochmal ansehen: ( Gefunden über Stefan Niggemeier)

Ebenso seziert Rechtsanwalt Udo Vetter in seinem Law Blog die Forderung nach dem Einsatz von mehr Personal zur Verfolgung von Internetstraftaten. Hier ein paar Auszüge:

Es gibt bereits heute Internetstreifen. Beim Bundeskriminalamt ist die “anlassunabhängige Internetüberwachung” aktiv. Wie man hört, ist die Abteilung nicht schlecht besetzt. Ein Tätigkeitsschwerpunkt ist die Überwachung von Tauschbörsen auf kinderpornografisches Material. Ein Fahnder aus der Abteilung sagte mir kürzlich, dank einer speziellen Software werde praktisch jede deutsche IP-Adresse erwischt, über die verbotenes Material zum Upload bereitgehalten werde.

Interessant, irgendwie klingen mir immer noch die Aussagen unserer Familienministerin in den Ohren das man ohne umstrittene Stoppschilder niemals gegen Kinderpornographie ankommt. Wozu brauche ich die denn noch wenn eh jeder Deutsche erwischt wird?

Nach einem Absatz über die kleinen Internetstraftaten die  vor allem Leistungsrecht und Handelsrecht betreffen kommt er dann zum Kern des Problems:

Auch wenn ich drüber nachdenke, fällt mir dann nur noch das Gebiet der politisch und religiös motivierten Propaganda ein. Die sogenannten Hass- und Hetzseiten. Gestern hat ein Kommentator im law blog geschrieben, Meinungsfreiheit sei nutzlos, wenn sie nur genehme Meinungen schützt. Ich stimme dem zu. Wir brauchen keine Gedankenpolizei, die im Internet den Blockwart gibt und per Stoppschild oder Löschknopf entscheidet, was dort zu lesen ist.

Eine Gedankenpolizei macht vielleicht heute nur “anderen” direkt Angst. Aber sie führt auch bei jedem anderen dazu, dass er sich sorgt, ob er nicht vielleicht auch schon im Visier ist. Im Rahmen der Verfassungsbeschwerde über die Vorratsdatenspeicherung ist dieser Punkt ein wichtiges Thema. Das Gericht fragt nämlich, welche Auswirkungen allein das Wissen um Überwachung hat. Die Antwort findet sich auch schon in früheren Urteilen. Überwachung, selbst wenn sie nicht direkt als bedrohlich empfunden wird, führt zu Selbstreglementierung, Konformität und den vorauseilenden Verzicht auf die Wahrnehmung von Bürgerrechten.

Vielen Dank das es mal jemand ausspricht, warum haben wir denn den Überwachungsstaat im Osten Deutschlands abgeschafft? Bestimmt nicht um ihn 20 Jahre später in ganz Deutschland wieder einzuführen!

Aber es gibt noch Hoffnung, im gleichen Blog wurde das Skript von Prof. Thomas Hoeren vorgestellt. Er setzt sich auf 543 Seiten mit fast allen Aspekten des Internetrechts auseinander. Das Skript kann man hier downloaden.

Es gibt einen interessanten Einblick in die Entwicklung des Rechts für das Kommunikationsmedium Internet nicht den “Rechtsraum Internet”. Den kann es ja so auch nur für Menschen geben die zu viele schlechte Cyberspacefilme gesehen haben oder den düsteren  Zukunftsvisionen von “Deutschland in den Schatten” erlegen sind. Alle anderen wissen das das Internet nichts weiter als eine Kommunikationsverbindung zwischen mehreren Computersystemen ist. ( Siehe dieser Artikel in Spiegel Online)

Es bleibt also erneut festzuhalten, das Internet ist nicht rechtsfrei, es ist genauso rechtlichen Beschränkungen unterworfen wie ein Telefonanschluss oder ein Brief.


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