Einigungsprobleme


In diesen Tagen wird auch über die Kosten der Einheit diskutiert. Immer wieder werden dann Zweifel am Sachverstand der Einheitsbefürworter geäußert. Man müsse doch gesehen haben in welch schlechtem Zustand die DDR-Wirtschaft zu diesem Zeitpunkt war und welche Bürden da auf die Bundesbürger zukommen würden. Nun, bis heute hat man keine belastbaren Zahlen wie sollte man die in den Wendetagen dann haben?

Neben den Kosten geraten aber auch immer wieder die Ergebnisse in die Kritik, angeblich hätten sich beide Landesteile getrennt voneinander besser entwickelt als vereinigt. Nicht zuletzt Thomas Fricke mit seinem Beitrag bezüglich des schlechten Abschneidens Ostdeutschlands im Vergleich zu den anderen Ostblockländern hat die Diskussion über eine verfrühte Einheit angeheizt. Seine Bilanz scheint der Argumentation von Hans-Werner Sinn rechtzugeben. Dieser hatte bereits 1991 vor den Folgen der schnellen Einheit gewarnt.

Nach seiner Darstellung entwickelt sich Ostdeutschland weniger dynamisch als die noch weiter östlich liegenden Nachbarn, die Ursachen dafür sieht er in einer verfehlten Einheitspolitik, vor allem dem Umtauschkurs zur D-Mark und die viel zu hohen Löhne im Osten Deutschlands. Seiner Argumentation folgend haben die anderen Ostblockstaaten die Transformation ihrer Wirtschaft viel besser überstanden weil sie langsam und mit einer billigen Währung eine exportorientierte Wirtschaft aufbauen konnten.

Während sein Befund richtig sein mag verstellt sein Wirbeln mit Zahlen und Fakten den Blick auf die Ursachen dieser Entwicklung. Nicht der Anpassungsschock an das westliche System ist ursächlich für den Massenexodus von Fachkräften und den Zusammenbruch einer, für den Ostblock noch ganz gut aufgestellten, Industrie sondern die gleichen Ursachen, die bereits die wirtschaftliche Entwicklung der DDR in den Anfangsjahren bestimmt haben.

Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten erlebte die Bundesrepublik ein rasantes Wirtschaftswachstum während in der DDR noch bis Ende der 50er Jahre Lebensmittel rationiert werden mussten. Man kann die Gründe dafür im Marshall-Plan suchen oder in der D-Mark, man kann sich aber auch einmal die Industriestruktur im ehemaligen Mitteldeutschland anschauen.

Das Gebiet war im Norden bestenfalls als Agrarlandschaft zu bezeichnen, die Region Berlin-Brandenburg hatte bis dahin vor allem vom Hauptstadtbonus und den Warentransfers aus Ostpreußen Richtung Ruhrgebiet und umgekehrt profitiert und die industriell erschlossenen Regionen in Sachsen und Thüringen waren genauso in Schutt und Asche gelegt worden wie Köln oder Hamburg.

Dazu kommen größere Kriegszerstörungen durch die Kämpfe zwischen Wehrmacht und Roter Armee. Im Osten ist der Begriff „ Verbrannte Erde“ durchaus wörtlich genommen worden. Des Weiteren wurden bis zu 80% des industriellen Potentials als Reparationsleistungen demontiert, viele Fachkräfte in den nun beginnenden Säuberungen zur Ausreise gezwungen oder an Orten wie Buchenwald interniert.

Die Industrie in den Regionen Dresden-Chemnitz sowie Erfurt war geprägt von Herstellern von Zwischenprodukten und der Rohstoffverarbeitung sowie feinmechanische und optische Industrie. Diesen brach durch die Teilung beides weg, Absatzmärkte und Lieferanten. Eine Umstellung war nur bedingt möglich, schließlich fehlten die Produktionskapazitäten für Investitionsgüter, diese waren entweder in der Sowjetunion um die Kriegsschäden zu bezahlen oder in der Bundesrepublik.

Um diese strukturellen Defizite abzubauen versuchte die DDR-Führung mehr oder minder erfolgreich vor allem eine hochsubventionierte Schwerindustrie aufzubauen in der Verfügbarkeit vor Wirtschaftlichkeit ging. Es wurden hochkomplizierte Verfahren entwickelt um nicht zu Verfügung stehende Rohstoffe zu ersetzen, technisch auf sehr hohem Niveau, wirtschaftlich von vornherein chancenlos.

Diese aufgebaute Industrie traf nun zur Wende auf die Waren der Bundesrepublik. Günstiger, effizienter, moderner und vor allem Westprodukte verdrängten sie quasi in Sekunden die ostdeutsche Industrie aus den Absatzregionen, von Märkten zu sprechen wäre wohl vermessen. Unabhängig vom technischen Niveau wurden jetzt viele Industriezweige gar nicht mehr gebraucht, man konnte die Rohstoffe ja importieren und für die bisher hergestellten Endprodukte fehlten nun die Abnehmer. Man könnte in diesem Sinne von einem doppelten Kriegsende für die ostdeutsche Industrie sprechen.

Hinzu kommt der hoffnungslos veraltete Kapitalstock der Unternehmen in Ostdeutschland, 72% der Maschinen waren betriebswirtschaftlich abgeschrieben, teilweise 2/3 der Beschäftigten mit Wartungs- und Instandsetzungsaufgaben beschäftigt und jahrzehntelang nichts in Forschung und Entwicklung investiert worden. Zusammen mit der Auflösung des RGW und dem Wegfall der Sowjetunion als wichtigstem Handelspartner hätte auch eine wirtschaftlich eigenständige DDR nicht länger als ein halbes Jahr stabilisiert werden können.

Egal wie man in diesen Tagen entschieden hätte, die spezifischen ostdeutschen Strukturen hätten so oder so zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch geführt. Allein die fehlende Sprachbarriere und der Fachkräftemangel in der Bundesrepublik hätten die Arbeitsmigration so oder so entstehen lassen, da hätte nur eine neue Mauer geholfen. Ich frage mich wer die dann gebaut hätte.

Ein Vergleich mit anderen osteuropäischen Staaten ist also schon aus strukturgeschichtlichen Gründen nicht möglich und niemand hat bisher nach dem Gewinn für die bundesdeutsche Wirtschaft gefragt. Solche einseitigen, künstlich auf die aktuelle ökonomische Lage fokussierten Betrachtungen verbergen mehr als sie aufdecken!

Die Revolution kam auf leisen Füßen


Vor allem in den Tagen des zwanzigjährigen Jubiläums des Mauerfalls wird immer wieder der Begriff der Revolution für den Umbruch in der DDR verwendet. Der Begriff ermöglicht es komplizierte Umwälzungsprozesse zeitlich und inhaltlich in ihrer Komplexität zu reduzieren. Gleichzeitig versperrt er aber den Blick auf die Ursachen, der Prozess der politischen Umwälzung in der DDR wird von einer langsamen Delegitimation der herrschenden Klasse zu einer plötzlichen Eruption des Volkszorns gemacht.

Wenn man historische Prozesse so betrachtet verfällt man schnell der Versuchung das Ende apologetisch vorwegzunehmen. Alle Ereignisse die der Revolution vorgelagert waren, werden nur aus dem Blickwinkel derselben betrachtet. Damit vergibt man sich selber die Chance zu einer neuen Sichtweise der Ereignisse zu kommen. Das Geschichtsbild verdichtet sich zu einer Kausalkette mit zwangsläufigem Ausgang.

Derartiges gilt auch für die Ereignisse die zum Ende der DDR geführt haben. Die Gesellschaft des real existierenden Sozialismus hatte sich schon lange von der Avantgarde des Sozialismus, der Partei, entfernt. Nachdem die „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ in den siebziger Jahren kurzfristig für bescheidenen Wohlstand aus der Druckerpresse gesorgt hatte, schrumpfte die reale Wirtschaftsleistung spätestens seit Beginn der achtziger Jahre. Damit standen jedes Jahr weniger Investitionsmittel zur Verfügung, die Abwärtsspirale drehte sich immer schneller.

Gleichzeitig ignorierte die Partei- und Staatsführung die Entspannungstendenzen die von der KSZE, der Schlussakte von Helsinki und den Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und den UdSSR ausgingen. Die betont aggressive Rhetorik gegen den Imperialismus verlor damit immer mehr an Glaubwürdigkeit. Währenddessen wurde das System der Wehrerziehung und –ausbildung immer mehr perfektioniert und entfremdete durch seinen real erfahrbaren Zwangscharakter immer mehr junge Menschen vom Arbeiter- und Bauern Staat.

Es handelte sich also nicht um einen spontanen Ausbruch von zivilem Ungehorsam sondern um langfristige Entwicklungen deren Ausgang nicht vorhersehbar war. Gleichzeitig verschwinden durch die Revolutionsdarstellung aber die vielen Namenlosen die ihren Opportunismus gegen das System nicht auf tausende Demonstranten stützen konnten. Wer erinnert denn in diesen Tagen an Dietrich Bonhoeffer oder die Mauertoten, die vielen Namenlosen die für Widerspruch und kritische Fragen in den Gefängnissen der Stasi saßen oder die die keinen Job gefunden haben weil sich geweigert haben in der Wehrausbildung zu Schießen oder die Aggressivität des Imperialismus in Zweifel gezogen haben?

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Der Blick über die Mauer


Vor zwei Tagen habe ich mein erstes Exemplar des „Deutschland-Archiv“ 1 bekommen. Es ist nicht die erste geschichtswissenschaftliche Zeitung die ich abonniert habe, aber die erste in Buchform. Das Schöne an der Zeitschrift ist die Kombination aus Zeitgeschehen und Zeitgeschichte, Aufsätze zur Geschichte mischen sich mit aktuellen Reportagen und Interviews und setzen so geschichtliche Ereignisse in einen aktuellen Kontext.

Im Heft 04/2009 spricht Ralph Giordano über seine Läuterung vom Kommunismus während seiner Zeit in Leipzig 2 und seinen Begriff der „zweiten deutschen Schuld“, der Weigerung der Deutschen den Nationalsozialismus vor 68 richtig aufzuarbeiten. Er warnt davor Hakenkreuz und Sichel auf eine Stufe zu stellen, wörtlich:

Die Auschwitz-Toten werden nicht getröstet durch die Gulag-Toten, und die Gulag-Toten werden nicht getröstet durch die Auschwitz-Toten.“3

Für ihn ist der westdeutsche Verfassungsstaat das einzige Maß an dem man den Verbrechenscharakter der beiden deutschen Diktaturen messen muss. Damit greift er einen wichtigen Aspekt in der Erforschung der Geschichte der DDR auf, den „Blick über die Mauer“. Bei der Erforschung der DDR wird der vergleichende Ansatz viel zu selten gewählt, und wenn dann vor Allem im Vergleich zum dritten Reich.

Dabei wird oft vergessen, dass beide deutschen Staaten einen großen Teil ihrer nationalen Identität aus dem Antagonismus zwischen ihnen bezogen haben und daraus sich auch die Biographien der Führungseliten ableiten lassen. Die administrative Funktionselite in der DDR musste stets über einen klaren Klassenstandpunkt und ein klares Feindbild verfügen, beides war zumindest vordergründig für eine Karriere unerlässlich. Aber auch in der Bundesrepublik gab es viele, die ihr politisches Profil über einen gepflegten Antikommunismus schärften, erst Willy Brandt brach der Dialogbereitschaft Bahn, ein Handeln, dass ihm den Friedensnobelpreis einbrachte. 4

Beide Staaten konstituierten sich aus dem Systemgegensatz heraus und beide gingen unter als die bipolare Welt zusammenbrach. Die Bundesrepublik von heute ist nicht die des Kalten Krieges, die Etablierung des Fünf-Parteien-Systems ist der beste Beweis dafür. Wenn es dafür überhaupt noch einen brauchen würde.

Die vergleichende Forschung kann also hier neue Aspekte in die DDR-Geschichte bringen, vor allem aber auch die Akzeptanz der Forschungsarbeit auch unter denen erhöhen die einen großen Anteil ihrer Lebenszeit in diesem Staat verbracht haben und ihm auf die eine oder andere Weise verbunden waren. Die singuläre Erforschung des Systems ostwärts der Mauer impliziert ja auch immer eine Herabsetzung des Lebenswerkes eben jener Menschen. Damit sollen nicht jene geschützt werden die Unrecht begangen haben, sondern jene die einfach ihr Leben gelebt haben.

  1. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften/id=257
  2. Giordano, Ralph: Die Partei hat immer recht.
  3. Ralph Giordano: „Die fehlende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat Folgen“, Deutschland-Archiv, 04/2009, S. 663.
  4. http://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Brandt
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