Vor zwei Tagen habe ich mein erstes Exemplar des „Deutschland-Archiv“ 1 bekommen. Es ist nicht die erste geschichtswissenschaftliche Zeitung die ich abonniert habe, aber die erste in Buchform. Das Schöne an der Zeitschrift ist die Kombination aus Zeitgeschehen und Zeitgeschichte, Aufsätze zur Geschichte mischen sich mit aktuellen Reportagen und Interviews und setzen so geschichtliche Ereignisse in einen aktuellen Kontext.
Im Heft 04/2009 spricht Ralph Giordano über seine Läuterung vom Kommunismus während seiner Zeit in Leipzig 2 und seinen Begriff der „zweiten deutschen Schuld“, der Weigerung der Deutschen den Nationalsozialismus vor 68 richtig aufzuarbeiten. Er warnt davor Hakenkreuz und Sichel auf eine Stufe zu stellen, wörtlich:
Die Auschwitz-Toten werden nicht getröstet durch die Gulag-Toten, und die Gulag-Toten werden nicht getröstet durch die Auschwitz-Toten.“3
Für ihn ist der westdeutsche Verfassungsstaat das einzige Maß an dem man den Verbrechenscharakter der beiden deutschen Diktaturen messen muss. Damit greift er einen wichtigen Aspekt in der Erforschung der Geschichte der DDR auf, den „Blick über die Mauer“. Bei der Erforschung der DDR wird der vergleichende Ansatz viel zu selten gewählt, und wenn dann vor Allem im Vergleich zum dritten Reich.
Dabei wird oft vergessen, dass beide deutschen Staaten einen großen Teil ihrer nationalen Identität aus dem Antagonismus zwischen ihnen bezogen haben und daraus sich auch die Biographien der Führungseliten ableiten lassen. Die administrative Funktionselite in der DDR musste stets über einen klaren Klassenstandpunkt und ein klares Feindbild verfügen, beides war zumindest vordergründig für eine Karriere unerlässlich. Aber auch in der Bundesrepublik gab es viele, die ihr politisches Profil über einen gepflegten Antikommunismus schärften, erst Willy Brandt brach der Dialogbereitschaft Bahn, ein Handeln, dass ihm den Friedensnobelpreis einbrachte. 4
Beide Staaten konstituierten sich aus dem Systemgegensatz heraus und beide gingen unter als die bipolare Welt zusammenbrach. Die Bundesrepublik von heute ist nicht die des Kalten Krieges, die Etablierung des Fünf-Parteien-Systems ist der beste Beweis dafür. Wenn es dafür überhaupt noch einen brauchen würde.
Die vergleichende Forschung kann also hier neue Aspekte in die DDR-Geschichte bringen, vor allem aber auch die Akzeptanz der Forschungsarbeit auch unter denen erhöhen die einen großen Anteil ihrer Lebenszeit in diesem Staat verbracht haben und ihm auf die eine oder andere Weise verbunden waren. Die singuläre Erforschung des Systems ostwärts der Mauer impliziert ja auch immer eine Herabsetzung des Lebenswerkes eben jener Menschen. Damit sollen nicht jene geschützt werden die Unrecht begangen haben, sondern jene die einfach ihr Leben gelebt haben.
- http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften/id=257 ↩
- Giordano, Ralph: Die Partei hat immer recht. ↩
- Ralph Giordano: „Die fehlende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat Folgen“, Deutschland-Archiv, 04/2009, S. 663. ↩
- http://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Brandt ↩














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