The Defense of Jisr al-Doreaa

Was ist COIN? COunterINsurgency und "Partnering" sind die bestimmenden Elemente in der aktualisierten NATO-Strategie für Afghanistan. Nur was bedeutet die Aufstandsbekämpfung und die Zusammenarbeit mit lokalen Kräften für den militärischen Führer vor Ort? Was heißt es als verantwortlicher Einheits- oder Teileinheitsführer auf einer Höhe oder in der Nähe eines Flusses einen COP (Combat Outpost) eingesetzt zu sein?

Offiziere wurden und werden im Führen eines Gefechts ausgebildet nur heute findet dieses Gefecht oft an der Lagekarte oder am Bildschirm statt. In den symmetrischen Konflikten der Vergangenheit waren die jungen Offiziere eingebunden in ein enges Korsett militärischer Strukturen. Sie führten ihre Einheiten zu klar definierten Angriffszielen oder verteidigten eng umrissene Geländeabschnitte gegen einen klar definierten, uniformierten Feind innerhalb einer bestimmten Zeitspanne.

Die Einsätze im Irak und Afghanistan stellten dieses Bild spätestens auf den Kopf. Militärische Operationen werden immer dezentraler. COIN erfordert viele kleine Stützpunkte die fast autonom operieren können und sollen. Zugführer und Kompaniechefs sind oft mit ihren Männern auf sich gestellt. Ständig leben sie mit der Bedrohung eines Gegners den man kaum erkennt und gleichzeitig mit der Herausforderung den Kontakt zur Bevölkerung nicht zu verlieren.

Von diesen Herausforderungen und den gemachten Erfahrungen eines Zugführers im Irak berichtet "The Defense of Jisr al-Doreaa". Zwei Captains der US-Army verarbeiten darin ihre Erfahrungen aus den Einsätzen im Irak.

Das, leider nur im englischen Original verfügbare, Buch ist gegliedert in 6, "Dreams" genannte, Kapitel die ähnlich dem Film “Und täglich grüßt das Murmeltier” immer mit der Befehlsausgabe an den 2nd Lieutenant Connors beginnen. Der 2nd Lt. bekommt den Auftrag einen COP in der Nähe des Dorfes al-Doreaa einzurichten. Im ersten “Dream” verzichtet er auf jegliche Unterstützungskräfte oder Übersetzer und rückt voller Tatendrang aus.

Angekommen im COP richtet sich der Zug ein, alles scheint ruhig, der 2nd Lt verzichtet auf eine umfangreiche Sicherung und kann sich auch nicht mit den Bewohnern des Dorfes verständigen. Alles scheint ruhig, die Soldaten beziehen ihre Nachtlager, Connors geht ebenfalls schlafen. Kurz vor Anbruch der Dämmerung geht dann alles schief, ein Selbstmordattentäter in einem Fahrzeug rast in den Außenposten und Mörserbeschuss setzt ein. Erst ein Apache-Angriff rettet die traurigen Reste des Zuges, 15 Soldaten sind gefallen. Der 2nd Lt taumelt in den nächsten Traum und alles beginnt von vorn.

Das Buch beschreibt eindrucksvoll und lebensnah den Lernprozess des Leutnants in einer neuen Lage. Es zeigt mit welchen Vorstellungen das US-Militär an einen solchen Einsatz herangegangen ist und welche Lehren aus den Erfahrungen gezogen worden sind. Das Buch richtet sich vor allem an den Fachmann, der Laie wird wohl seine Mühe mit den Abkürzungen und den taktischen Begriffen haben. Diese werden jedoch in einem Abkürzungsverzeichnis auch noch einmal erklärt.

Wer wissen will was COIN in der Praxis bedeutet und was man alles falsch machen kann in einem solchen Konflikt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Wer differenzierte Betrachtungen der Strategie an sich oder Ursachen solcher Konflikte sucht wird in diesem Buch enttäuscht.

Das Buch enthält auch noch eine Neuausgabe von “The Defence of Duffers Drift”.  Der Bericht eines britischen Offiziers aus dem Burenkrieg über die Verteidigung einer Furt ist ähnlich aufgebaut und stellte das Vorbild für “The Defense of Jisr a-Doreaa” dar.

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Achillesferse Ring-Road

Laut Mullah Omar können die Taliban die NATO-Truppen in Afghanistan innerhalb von 30 Tagen besiegen.1 Vor allem der exorbitante Verbrauch von Versorgungsgütern durch die westlichen Truppen macht sie angreifbar. Der Talibanführer sieht die Aufständischen in der Lage die Nachschubwege innerhalb dieser Zeitspanne vollkommen abzuschneiden.

Der Oberbefehlshaber des Allied Joint Force Command, der deutsche General Egon Ramms, hat auf die Probleme bereits Anfang des Jahres in einer Fachzeitschrift zum Thema Logistik hingewiesen. Afghanistan verfügt nur über einen Landzugang, alle Versorgungsgüter müssen entweder auf dem Luftweg oder über enge Gebirgspässe in das Land gebracht werden.

70% der Güter werden dabei im pakistanischen Hafen Karachi entladen und dann auf LKW über die südliche Route nach Kabul gebracht. Der Rest wird über Russland, Kasachstan und Usbekistan nach Afghanistan gebracht.  Dabei stützt sich die NATO vor allem auf zivile Vertragspartner, die die Güter in Karachi aufnehmen und dann über den Khaiber-Pass nach Afghanistan transportieren.

Mit der Truppenaufstockung der USA kommen nun noch weitere 30.000 Soldaten ins Land.2 Nimmt man die im eingangs zitierten Artikel erwähnten Zahlen zum Verbrauch einer amerikanischen Division als Grundlage bedeutet dies einen Mehrverbrauch von bis zu 12.000t Nachschub pro Tag.

Zusätzlich verschlechtert das Hochwasser in Pakistan die Leistungsfähigkeit des Straßennetzes in der Region beträchtlich. Neben dem militärischen Nachschub müssen nun noch tausende Tonnen Hilfsgüter über die gleichen Straßen transportiert werden.

imageWesentliche Voraussetzung für die Sicherstellung der Versorgung ist die Beherrschung der berühmten “Ring-Road”, diese Straße verbindet die wichtigsten afghanischen Städte. ( Bildquelle:wsj.com) Bereits während der sowjetischen Besatzung drehte sich alles um diese Straße.

Die Taliban wollen nun diese Lebensader in den Wintermonaten so stören das die Truppen innerhalb von 30 Tagen zum Rückzug gezwungen werden.

Angriffe auf den Nachschub von Truppen war schon immer eine sehr erfolgreiche Strategie in einem  Guerillakrieg.  Gerade moderne Streitkräfte hängen am Tropf der Logistik, nach fünf Tagen sind die mitgeführten Vorräte meist aufgebraucht. Schnell wandelt sich der technologische Vorteil dann in einen immensen Nachteil.  

Die passende Schlussfolgerung gibt der Artikel von kabulpress.org dann auch noch dazu: Peträus muss die Truppen so umstrukturieren das sie 90 Tage rein aus der Luft versorgt werden kann. Entweder das oder die “Ring-Road” bleibt benutzbar. Aber auch dann bleibt die Situation kritisch, Truppenaufstockung und Hochwasser treffen ja dennoch aufeinander.


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Egon Ramms fordert bessere Vernetzung

Gestern hielt der General Egon Ramms einen Vortrag an der Logistikschule der Bundeswehr zum Thema: Neue Strategie der NATO am Beispiel Afghanistan, der 61jährige General muss es wissen, erstellt er doch mit seinem Stab die jährlichen Operationsplanungen für die ISAF-Mission. Neben einem Perspektivwechsel in der deutschen Berichterstattung über Afghanistan mahnte er vor allem eine stärkere Vernetzung zwischen militärischem Engagement und zivilem Aufbau an. Damit legte er den Finger in die Wunde.

Diese Vernetzung wurde auch von offizieller Seite immer wieder eingefordert, nicht zuletzt in der Debatte des Bundestages um die Verlängerung des Mandats für Afghanistan. Die Realität sieht leider anders aus, zwar werden immer mehr Soldaten in die Region entsandt, die Kräfte für den zivilen Wiederaufbau verbleiben aber auf einem niedrigen Niveau. Dafür werden die offensiven Kräfte in den PRT durch Ausbildungskräfte ersetzt. 1

Die deutsche Polizeigewerkschaft fordert nun aber eine Neubewertung des Einsatzes, sie würden nicht in einen bewaffneten Konflikt hineingezogen werden wollen. Die Polizisten liefen Gefahr als Bürgerkriegspartei wahrgenommen zu werden wenn sie mit Feldjägern in die jeweiligen Gebiete fahren würden. Ein deutscher Polizist hätte bei seiner Einstellung niemals daran gedacht außerhalb Deutschlands eingesetzt zu werden. 2

An diesem Beispiel zeigt sich wieder das geringe Interesse aller Nicht-Soldaten am Afghanistan-Einsatz. Es scheint der Glaube vorzuherrschen man müsse nur eben mal 5000 „unserer Jungs“ dorthin schicken, ab und an mal über die Rules of Engagement oder die Ausrüstung diskutieren und dann ist Afghanistan nach geschätzten zehn Jahren befriedet.

Ohne den Soldaten folgende zivile Beamte, Polizisten und Juristen wird es wohl eine Sisyphosarbeit bleiben die Provinzen zu befrieden und wirklich stabile Verhältnisse zu erreichen. Hier müssen die NATO-Staaten endlich einen höheren Beitrag leisten. Die Menschen in Afghanistan erwarten von den internationalen Truppen konkrete Hilfe im Kampf gegen organisierte Kriminalität, Verschleppung und Willkür durch örtliche Führer.

Das Militär kann und darf diese Aufgaben nicht übernehmen. Der Kampf gegen die wenigen Taliban, General Ramms sprach von vielleicht 3.000 wirklich religiös überzeugten Kämpfern, ist eigentlich nur ein Nebenkriegsschauplatz. Werden die dringenden Probleme der afghanischen Bevölkerung nicht gelöst, wird diese Zahl jedoch rapide ansteigen. Dabei stehen nicht einmal religiöse Motivationen im Vordergrund sondern schlichte ökonomische Erwägungen.

Der Blick auf die Verbesserung der Lebensbedingungen vor Ort würde auch den deutschen Medien gut anstehen. Nicht nur die sinkende Kindersterblichkeit, auch die nun mögliche Ausbildung afghanischer Hebammen 3 oder Polizistinnen 4 finden keinen Niederschlag in der Berichterstattung, ebensowenig die Universität in Kabul deren Absolventen in der Mehrzahl im Land bleiben wollen.

Man kann wohl schwerlich blühende Landschaften nach 5 Jahren in einem Land erwarten das seit drei Generationen im Krieg versunken ist, die westlichen Gesellschaften wollen das Thema aber möglichst an den Rand drängen. Da ist es einfach immer mehr Truppen in das Land zu befehlen und dann immer wieder den fehlenden Fortschritt zu monieren.

Die notwendigen Konsequenzen aus dem militärischen Engagement zu ziehen scheint jedoch noch nicht im Interesse einer Mehrheit zu liegen. Lieber fordert man einen schnellen Abzug und will die Afghanen mit den Problemen allein lassen die sie nicht zu verantworten haben.

Quellen:


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