Willkommen in der Wirklichkeit

Es wirkt schon einigermaßen grotesk: Da besuchen Schüler der 8. Klasse aus Süsel das Aufklärungsbataillon 6 in  der Rettberg-Kaserne in Eutin um einen persönlichen Eindruck von der Bundeswehr zu bekommen, und wenige Tage später überbieten sich Eltern und Politiker in Betroffenheitsbekundungen. Der Grund: Den Kindern wurde ein Schießsimulator (wahrscheinlich das AGSHP) gezeigt, der von einem Oberstabsfeldwebel als “tausendmal besser als jede Playstation” gelobt worden sein soll.

Dass dieser flapsige Kommentar zu mehr als einem Lachen bei den Schülern geführt hat, darf bezweifelt werden. Trotzdem wird der Vorfall in der Lokalpresse skandalisiert. Eltern und Politiker empören sich über “die Bundeswehr”, Landtagsabgeordnete werfen ihr vor, “oberflächlich, unreflektiert und gewaltverherrlichend” über ihren Auftrag informiert zu haben. Natürlich wird auch sofort auf die bösen “Ballerspiele” und ihre angebliche Bedeutung für “Amokläufe” hingewiesen, vor denen man die Kinder selbstverständlich zu schützen versuche. Umso schlimmer also, dass den Kindern (eher wohl Jugendlichen) nun ein Simulator vorgeführt wurde, an dem Soldaten ihr Handwerk trainieren können.

Interessanterweise wurde der Truppenbesuch von dem durchführenden Lehrer unmittelbar nach der Veranstaltung gelobt. Angesichts der nun laut werdenden Kritik hat er sich jedoch entschlossen, zu dem “Vorfall” zu schweigen, und auch sein Rektor bemüht sich nach Kräften, eine eigene Beteiligung auszuschließen. Während sich die Verantwortlichen der Schule nun also wegducken, und sich insgeheim wahrscheinlich wünschen, der Einladung der Bundeswehr niemals entsprochen zu haben, wird man an anderer Stelle aktiv: Auf Initiative des “Friedenskreises Eutin” und der Grünen soll es nach den Schulferien eine “Nachbereitung” mit den Schülern geben. Dort sollen diese dann aus berufenem Munde erfahren, worin sich Schießsimulator und “Ballerspiel” unterscheiden.

Vermitteln müsste man den Schülern vor allem eines: Wie sich in der Reaktion auf ihren Truppenbesuch die ganze Unaufrichtigkeit des deutschen Umgangs mit Streitkräften manifestiert. Jahrzehntelang war die Existenz der Bundeswehr angesichts der Blockkonfrontation auf deutschem Boden eine Art notwendiges Übel, das durch die Parole “Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen” leichter zu ertragen war. Dieses Bild lässt sich angesichts der heutigen Einsatzrealität natürlich nicht mehr aufrechterhalten, doch trotzdem klammern sich Politik und Öffentlichkeit an die Vorstellung vom “guten” deutschen Soldaten. Von einem Soldaten, der Buntstifte verteilt, Brunnen bohrt, Häuser baut und alles in allem ein prima Kumpel ist. Das Idealbild scheint eine Bundeswehr zu sein, deren Einsätze die Erwartungen der Verbündeten befriedigen, ohne dass sie dabei genuin soldatische Aufträge erfüllt. Eine Bundeswehr, die zu Hause zwar willkommen ist, wenn im Osten die Deiche brechen, die sonst aber gefälligst in den Kasernen bleiben soll. Da ist es natürlich ein Skandal, wenn eine Schulklasse, deren männliche Mitglieder in ein paar Jahren zur Musterung anstehen, damit konfrontiert wird, dass auch Kämpfen und Schießen zum Aufgabenspektrum eines Soldaten gehört. Auch eines deutschen.

In Deutschland wird dieser Teil gerne und konsequent ausgeblendet. Empört wiesen einige Redner auf dem heutigen Parteitag der Grünen darauf hin, der Einsatz habe ja kaum etwas mit der Durchführung “polizeiähnlicher Aufgaben” zu tun, von denen 2001 im Bundestag die Rede gewesen sei, und forderten den sofortigen Abzug. Mehrmals wurde dabei die Bombardierung der Tanklaster bei Kundus als “Augenöffner” beschrieben. Auch der Truppenbesuch der Schulklasse hat die Bundespolitik mittlerweile erreicht. So äußert sich etwa der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rainer Arnold, auf der Plattform abgeordnetenwatch.de über den seiner Meinung nach “unerhörten Vorfall.”

Unerhört ist vielmehr der Umgang der Politik mit den Streitkräften. Unerhört ist es, wenn vorhandene militärische Mittel, die von den Kommandeuren im Einsatz angefordert werden, nicht zur Verfügung gestellt werden, weil sie “zu martialisch wirken.” Unerhört ist es, wenn erst der Deutsche Bundeswehr-Verband darauf hinwirken muss, dass ein Soldat, nachdem er gemäß den Rules of Engagement im Einsatz von der Schusswaffe Gebrauch gemacht hat, seinen rechtlichen Beistand im folgenden Ermittlungsverfahren nicht selbst finanzieren muss. Unerhört ist es, wenn ständig vermeintliche faschistische Tendenzen in der Bundeswehr ausgemacht werden, weil sich einige Ausbildungsunterlagen auf Erfahrungen stützen, die die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg gemacht hat. Und unerhört ist es letztendlich, die Einsatzrealität zu ignorieren, die Bundeswehr in der Öffentlichkeit als eine Art “bewaffnetes THW” darzustellen und dann, wenn die Soldaten ihren Auftrag mit militärischer Gewalt durchsetzen, in das Skandalgeheule der Medien einzufallen.

Angesichts der Reaktionen auf den Truppenbesuch wird deutlich, dass Politik und Öffentlichkeit in Deutschland von einem normalen Verhältnis zu ihren Streitkräften noch weit entfernt sind. Es hilft jedoch niemandem, den kämpferischen Aspekt des soldatischen Auftrags und Selbstverständnisses auszublenden, um sich nicht von liebgewonnenen, aber falschen Vorstellungen verabschieden zu müssen. Ein erster Schritt wäre es dabei, eine klare Sprache zu finden und sich vor die Soldaten zu stellen. Die Politik macht sich unglaubwürdig, wenn sie immer so tut, als sei sie in die Einsätze “hineingezogen” und von den Konsequenzen überrascht worden. Es bleibt zu hoffen, dass der Reserve-Unteroffizier der Gebirgsjäger und nächste Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, mehr Mut zur Offenheit beweist als sein Vorgänger (vgl. dazu auch das Bendler-Blog). Fünfzehn Jahre nach dem Grundsatzurteil des Bundesverfassungsgerichts zum Thema Auslandseinsätze deutscher Streitkräfte wäre es höchste Zeit, der Realität ins Auge zu sehen.


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Medieninkompetenz

Seit mehreren Monaten habe ich den RC von Windows 7 im produktiven Einsatz und bin damit absolut zufrieden. Es ist schnell, sieht gut aus und trägt mit der aktualisierten Aero-Benutzeroberfläche zu mehr Produktivität bei. Insbesondere die neue Taskbar und die Möglichkeit, beliebige Ordner übersichtlich in Bibliotheken zusammenzufassen, möchte ich nicht mehr missen.

Der offizielle Verkaufsstart des neuen Betriebssystems am 22. Oktober rückt immer näher, und da ist es nicht verwunderlich, dass auch die Mainstream-Medien mit der Berichterstattung beginnen.

Heute Morgen durfte ich gleich zweimal Zeuge dieser “Berichterstattung” werden, und zwar auf n-tv und N24. Angesichts dessen, was dort geboten wurde, kann man Stefan Niggemeier nur zustimmen, wenn er von Rumpelsendern und Mischsendern spricht. Die Bezeichnung “Nachrichtensender” könnte schließlich zu der irrigen Annahme verleiten, dass die Menschen, die dort Beiträge zusammenstricken, journalistische Kernkompetenzen wie Recherche und objektive Berichterstattung zur Grundlage ihrer Arbeit machten.

Weit gefehlt. N-tv Netzreporter Moritz Wedel präsentierte in seinem Beitrag ein paar Aufnahmen des Betriebssystems und stellte dabei insbesondere die Gadgets als große Neuerung heraus. Dass die bereits mit dem Win7-Vorgänger Vista eingeführt wurden, blieb dabei natürlich unerwähnt. Stattdessen phantasierte der “Experte” von n-tv über den angeblich enormen Leistungshunger dieser Gadgets (deren deutscher Name “Minianwendung” irgendwie nicht ganz dazu passen will) und schwadronierte von großen, starken Computern, die man brauche, um mit dem neuen System vernünftig arbeiten zu können. Illustriert wurde dieser hanebüchene Unsinn dann mit einem Ausschnitt eines Youtube-Videos, das die Bedienung eines TabletPCs zeigt. Dass das mit den Gadgets von Windows 7 nichts zu tun hat blieb dabei ebenso unerwähnt wie die Tatsache, dass auf den HP Touchsmart-PCs Windows Vista und nicht Windows 7 läuft. Abesehen davon scheint für Moritz Wedel ein zwingender Zusammenhang zwischen der Leistungsfähigkeit eines Computers und dessen physischer Größe zu bestehen. Das ist entweder völlig falsch, oder die Tatsache, dass Windows 7 auf meinem 13,3” kleinen Sony Vaio hervorragend läuft, ist pure Zauberei.

In der n-tv Mediathek findet sich ein weiterer Beitrag, der eindrucksvoll demonstriert, dass sich eine Minute Sendezeit und angemessene Information nicht unbedingt vereinen lassen. Die Tatsache, dass Windows 7 von den verbauten zwei Gigabyte Arbeitsspeicher doch tatsächlich einen Gigabyte benutzt, wird als Beweis für den angeblichen Leistungshunger des neuen OS präsentiert. Inwiefern es sinnvoll ist, verbauten Arbeitsspeicher nicht zu nutzen, bleibt das Geheimnis von n-tv, ebenso wie die Frage, was genau denn der ominöse “Tastenrechner” ist, der dem Sender laut O-Ton als Testsystem diente. Der arglose Zuschauer erfährt natürlich nichts von der exzellenten Speicherverwaltung des neuen Betriebssystems. Stattdessen muss er den Eindruck gewinnen, dass Windows 7 kaum Neuerungen im Vergleich zu Vista bietet, dafür aber deutlich schnellere und damit teurere Hardware braucht.

N24 geht bei der Berichterstattung einen anderen Weg. Anstatt auf eigene Expertise zu vertrauen, greift man auf externen Sachverstand zurück. Und wo findet man den? Natürlich bei der BILD. Folglich darf im Beitrag der “BILD-Computerexperte” seinen Senf zu Windows 7 abgeben. Überraschenderweise kommt er dabei zu völlig anderen Schlüssen als Moritz Wedel, denn er betont insbesondere die gute Skalierung des OS mit älterer Hardware. Insgesamt ist das, was er sagt, erstaunlich wenig falsch. Das passt natürlich nicht so gut ins restliche Programm, weshalb man sich bei N24 folgerichtig entschlossen hat, den Bericht über Windows 7 mit Screenshots und Videoaufnahmen vom mittlerweile über 8 Jahre alten Windows XP zu unterlegen. Es könnte ja sonst ein völlig falscher Eindruck entstehen…

Diese Schilderung ist natürlich nur eine Momentaufnahme, doch sie illustriert erstaunlich gut die Unfähigkeit des Fernsehens, seinen Zuschauern inhaltlich korrekte Informationen zu Computer- und Internetthemen zu vermitteln. Nach jedem tatsächlichen oder vermeintlichen “Amoklauf” überbieten sich die Sender mit Räuberpistolen über “Killerspiele”, deren Recherchequalität geradezu herausschreit, dass es nicht um Information, sondern um Meinungsmache geht. Auch die aktuelle Berichterstattung über Phishing bei Hotmail und anderen Mailanbietern gleicht mehr einem undifferenzierten Geschwafel über “Hacking” und “Datendiebstahl”. Dem technisch nicht so versierten Zuschauer wird nicht erklärt, wie Phishing funktioniert und dass er sich relativ einfach davor schützen kann, sondern ihm wird Angst gemacht. Angst vor der Sicherheit im Internet, Angst vor der vermeintlichen Unbeherrschbarkeit von Systemen, die auch bei den älteren Generationen mittlerweile Einzug in den Alltag gefunden haben. Die von Politikern aller Couleur mit ebenso wenig Sachkenntnis wie ein Mantra vorgetragene Forderung, dass Internet dürfe kein “rechtsfreier Raum” sein, erscheint da nur folgerichtig – hat mit den Tatsachen aber wenig zu tun.

Dieses offenkundige Versagen traditioneller Medien macht eins deutlich: Wer sich über Computer und Internet informieren möchte, muss das selbst tun. Am Computer. Im Internet.

UPDATE:

Wie Johnny Haeusler vom Spreeblick amüsant kommentiert, hat auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen so seine Schwierigkeiten mit der Thematik. Ob dem ZDF wirklich klar ist, worum es bei “Fisting-Attacken” geht, darf getrost bezweifelt werden:


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Zivilcourage contra Political Correctness

Ich habe zu wenig Zeit. Stimmt eigentlich nicht. Ich habe Urlaub. Eigentich also eine ganze Menge Zeit. Nur für den ersten Blogeintrag reichte sie bis jetzt nicht. Könnte natürlich auch an der Prioritätensetzung liegen. Ist aber eigentlich auch egal.

Fakt ist: Ich habe hier noch nichts geschrieben. Ob das gut oder schlecht ist liegt im Auge des Betrachters, unstrittig ist aber, dass das Pendel der Betätigung als Blogautor bedenklich stark in Richtung Stefan schwingt. Um diesen Trend zumindest zu stoppen (zum Ausgleichen fehlt mir – man ahnt es – die Zeit), greife ich also auf ein altbewährtes Prinzip zurück: Gut geklaut ist besser als schlecht selbst gemacht.

Geklaut trifft es dabei nicht wirklich. Vielmehr möchte ich einer Betrachtung zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen, die ich grandios finde, und deren Thema von zeitloser Bedeutung ist. Klaus von Dohnanyi greift mit seinen Gedanken zum Spannungsfeld zwischen freier Meinungsäußerung und Political Correctness ein Thema auf, dass in der heutigen Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist.

»(…) Die sogenannte ›Wertegemeinschaft‹ ist im Kern eine Gemeinschaft zur Aufrechterhaltung des demokratischen Prozesses unter dem Dach der Menschenrechte; die Demokratie ein Zweckbündnis zur Einhaltung von politischen Umgangsformen; ein Regelsystem für den politischen Entscheidungsprozess, das sogar angesichts extremer Gegensätze in den Wertauffassungen einzuhalten ist.

Demokratie ist also im Kern eine rechtlich geregelte und geschützte Praxis der Toleranz. Ausnahmen gelten nur dort, wo der Andersdenkende die Regeln der Demokratie selber nicht respektiert, die garantierten Rechte auf Freiheit der Meinung, der Würde des Menschen usw. infrage stellt oder gar beseitigen will. Sonst hat immer die Freiheit Vortritt, auch – oder sogar gerade! – wo Freiheit zum Widerspruch gegen den bestehenden gesellschaftlichen Konsens in Anspruch genommen wird.

Denn jeder Fortschritt der demokratischen Gesellschaft muss im Widerspruch zum Status quo erstritten werden. Zu diesem Widerspruch bedarf es oft des Mutes oder, wie wir auch sagen, der Zivilcourage. Diese Bereitschaft zur freien, widersprechenden Meinungsäußerung muss erlernt, ihre positiven Folgen in der Gesellschaft müssen aber auch erfahren werden.

Die Bereitschaft, sich ›couragiert‹ einem großen Strom des Konsenses entgegen zu werfen, hängt allerdings auch davon ab, wie die demokratische Gesellschaft auf Widerspruch reagiert. Tut sie es mit Ausgrenzung, zum Beispiel durch die Medien, oder droht die Gesellschaft gar Nonkonformisten existenziell zu vernichten, dann wird die ›Zivilcourage‹ in der Gesellschaft erlahmen, und der freie Dialog wird verstummen. Denn Toleranz ist die Zwillingsschwester der Zivilcourage. Wo auf abweichende Meinungen oder abweichendes Verhalten mit extremer Intoleranz, mit Ausgrenzung oder gar mit Gewalt geantwortet wird, dort wird auf die Dauer die Freiheit versiegen (…).

Für Deutschlands Zukunft, für unsere Demokratie und Kultur ist heute nichts wichtiger als ein Klima offener und breiter Meinungsfreiheit. Sie ist das Fundament der Demokratie. Wir müssen uns vor einer Bedrückung durch allzu mächtige Political Correctness schützen. Gerade wegen unserer Geschichte gilt dies für uns Deutsche in besonderem Maße. Nur in offener Meinungsfreiheit, die auch extreme Abweichungen toleriert und dann im politischen Streit austrägt, erwachsen Mut und Kreativität. Denn Zivilcourage wächst und zählt nur in der Praxis.

Meinungsfreiheit lehrt demokratische Selbstbehauptung, und toleranter Streit ist das Fundament der demokratischen Gesellschaft. Das zu erinnern schulden wir auch den Frauen und Männern des deutschen Widerstands. Einen tiefen, inneren Sinn für Freiheit zu entwickeln ist für uns heute die wichtigste Lehre aus der deutschen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Wir haben sie noch nicht beherzigt.«

- Klaus von Dohnanyi, 18. März 2003

Dem ist, wie ich finde, nichts hinzuzufügen.



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