Tiefgreifender Wandel

Während der Frankfurter Buchmesse tauchen Bücher, anders als im Rest des Jahres, auch mal in den Massenmedien abseits des Feuilletons auf. Vor allem die kommerziellen Aspekte des Buches rücken dann wieder in den Vordergrund. Auf jetzt.de 1 wird der rüde Umgang der großen Buchhandelsketten mit den Verlagen thematisiert, D-Radio Breitband 2 beschäftigt sich mit den E-Books und den dafür nötigen Readern sowie der Urheberrechtsproblematik. Der Buchmarkt trotzt der Krise fast erwartungsgemäß3 , in Krisenzeiten werden immer mehr Bücher verkauft.4

Der Onlinehandel hat einen großen Anteil an diesem Wachstum, ebenso die steigenden Verkaufszahlen für E-Books. Damit ist der Buchmarkt eines der Beispiele für den tiefgreifenden Wandel den das Internet im Wirtschaftsleben ausgelöst hat. Immer mehr Menschen kaufen online ein oder vergleichen zumindest die Preise. Preissuchmaschinen sind der eine Weg, Barcodescanner für internetfähige Handys 5 der andere.

Vor allem der Barcodescanner ist wohl die größte Bedrohung für MediaMarkt und Co. Damit werden alle Preise sichtbar, Arbitragegewinne sind nur noch sehr begrenzt realisierbar. Makroökonomen werden deshalb frohlocken, der Markt kommt seinem Ideal immer näher, nur bei voller Information kann der Preis seine Verteilerfunktion richtig wahrnehmen. Für den Verbraucher ist das von Vorteil, für den Händler nicht immer. Der Wettbewerb wird in den nächsten Jahren noch härter werden. Neben dem Preis werden auch immer mehr die Meinungen anderer Verbraucher sowie online abrufbare Testberichte in die Kaufentscheidung einfließen. Damit entfällt dann auch noch die Beratungsfunktion der „Brick and Mortar-Shops“.

Das sieht man auch gut am eingangs erwähnten Buchmarkt. Volltextsuche und Metadatenanalyse zaubern auch längst vergessene Schätze hervor, die Empfehlungen in den Onlineshops kommen vor allem den nicht so oft gelisteten Titeln zu Gute. Titel die man in den großen Buchwarenhäusern von Thalia oder Hugendubel nicht mehr wiederfindet weil sie zu wenig Umsatz machen und hinter den Bestsellern versteckt werden. Daneben kommen immer mehr „Print on Demand“ Verlage auf den Markt. Bücher die sonst nie eine Chance auf Veröffentlichung hätten können jetzt in der benötigten Auflage produziert werden. Das spart nebenbei auch noch Papier.

Am Ende steht der Traum der Ökonomie, es wird nur noch das produziert was auch gebraucht wird, zu einem Preis der gerechtfertigt ist, mit einem Ressourcenansatz der nachhaltig ist. Dazu müssten die Gewinner der Intransparenz auf den alten Märkten aber ihre politische Macht verlieren. Allen voran diejenigen die sich selbst als Vertreter von Urheberrechten sehen. Über diese sollte der Urheber dann doch bitte auch selber entscheiden können.


Geld allein macht nicht glücklich

Gestern bin ich durch Ben auf einen Artikel gestoßen worden indem sich der Autor um eine Bilanz des Wirkens von Ursula von der Leyen bemüht. Neben vielen Punkten in denen mir der Autor aus der Seele gesprochen hat, fiel mir dann doch dieser Satz ins Auge:

Auch blöd, daß die meisten überhaupt nicht in den Genuß der 1.800 EUR kommen. 70 Prozent der Elterngeld-Antragsteller müssen mit 750 EUR oder noch weniger Elterngeld auskommen. Knapp die Hälfte erhält gar nur den Mindestsatz von 300 EUR. Hier war das Elterngeld von Anfang als Ungerechtigkeit aufgebaut. Ganz wenige Vielverdiener erhalten bis zu 1.800 EUR, die meisten erhalten wie vorher auch nur 300 EUR.1

Nicht das ich seine Zahlen2 anzweifele, vielmehr geht es mir um den suggestiven Unterton der hier mitschwingt. „Ungerechtigkeit“ und „wenige Vielverdiener“ beschwören schon von ganz allein wieder mal eine Neiddebatte herauf. Ja, natürlich bekommen nur wenige den Höchstsatz, dafür ist es auch ein Höchstsatz und kein Mindestsatz geworden. Das 70% der Antragssteller nur bis zu 750 Euro bekommen liegt doch nicht am Gesetz, sondern an den niedrigen Einkommen der Antragssteller. Was ist außerdem falsch daran, dass Menschen mit hohem Einkommen dementsprechend hohe Zuwendungen bei Verdienstausfall bekommen? Sie tragen ja während ihrer Erwerbstätigkeit über Sozialabgaben und Steuern auch überdurchschnittlich zum Sozialstaat bei.

Diejenigen auf die das Gesetz abzielte, Frauen mit hohen Einkommen, verfügen aber über den Intellekt nicht nur staatliche Transferleistungen bei einer solchen Entscheidung ins Auge zu fassen, sondern auch das gesellschaftliche Umfeld und die Möglichkeiten zum Wiedereinstieg in ihren alten Beruf. So lange Kinderbetreuungseinrichtungen stärker rationiert werden als Brot im Winter 1946/47 3wird es fast unmöglich flexibel wieder in den Berufsalltag einzusteigen. Wer soll denn vernünftig arbeiten wenn die Krippe von 08:30 bis 13:00 Uhr geöffnet hat? Da hat wieder keiner den Weg zur Arbeit einberechnet, geschweige denn Vorbereitungszeit oder abweichende Arbeitszeiten. Soll das Kind dann eine Stunde vor der Kita warten wenn die Mama erst um 14:00 Uhr von der Arbeit kommen kann?

Das Elterngeld unterstützt ganz klar die Zementierung klassischer Rollenmodelle, es werden vor allem Familien unterstützt die sowieso nur einen eigentlichen „Ernährer“ haben. Zusammen mit Ehegattensplitting und Kindergeld werden hier Transferleistungen erbracht die eine Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit dementsprechend unattraktiv machen, da es unter dem Strich finanziell lukrativer ist wenn die Frau nicht wieder arbeiten geht.4 Die Forderung nach einem Betreuungsgeld für daheim erziehende Mütter, vor allem aus den Reihen der CSU erhoben, passt sehr gut in dieses Modell.

Das Elterngeld kann also nur ein Teil eines Konzeptes zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein, viel wichtiger wäre eine echter politischer Wille zur Aufgabe des klassischen Familienmodells. Dann wird auch die Quote derjenigen ansteigen die mit einem Einkommen von über 2800€ monatlich Elterngeld beantragen.5 Dieser Wille wird aber nicht entstehen so lange mit jeder Transferleistung die Erwartungshaltung einhergeht, dass fast alle den Höchstsatz bekommen.


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Der Blick über die Mauer

Vor zwei Tagen habe ich mein erstes Exemplar des „Deutschland-Archiv“ 1 bekommen. Es ist nicht die erste geschichtswissenschaftliche Zeitung die ich abonniert habe, aber die erste in Buchform. Das Schöne an der Zeitschrift ist die Kombination aus Zeitgeschehen und Zeitgeschichte, Aufsätze zur Geschichte mischen sich mit aktuellen Reportagen und Interviews und setzen so geschichtliche Ereignisse in einen aktuellen Kontext.

Im Heft 04/2009 spricht Ralph Giordano über seine Läuterung vom Kommunismus während seiner Zeit in Leipzig 2 und seinen Begriff der „zweiten deutschen Schuld“, der Weigerung der Deutschen den Nationalsozialismus vor 68 richtig aufzuarbeiten. Er warnt davor Hakenkreuz und Sichel auf eine Stufe zu stellen, wörtlich:

Die Auschwitz-Toten werden nicht getröstet durch die Gulag-Toten, und die Gulag-Toten werden nicht getröstet durch die Auschwitz-Toten.“3

Für ihn ist der westdeutsche Verfassungsstaat das einzige Maß an dem man den Verbrechenscharakter der beiden deutschen Diktaturen messen muss. Damit greift er einen wichtigen Aspekt in der Erforschung der Geschichte der DDR auf, den „Blick über die Mauer“. Bei der Erforschung der DDR wird der vergleichende Ansatz viel zu selten gewählt, und wenn dann vor Allem im Vergleich zum dritten Reich.

Dabei wird oft vergessen, dass beide deutschen Staaten einen großen Teil ihrer nationalen Identität aus dem Antagonismus zwischen ihnen bezogen haben und daraus sich auch die Biographien der Führungseliten ableiten lassen. Die administrative Funktionselite in der DDR musste stets über einen klaren Klassenstandpunkt und ein klares Feindbild verfügen, beides war zumindest vordergründig für eine Karriere unerlässlich. Aber auch in der Bundesrepublik gab es viele, die ihr politisches Profil über einen gepflegten Antikommunismus schärften, erst Willy Brandt brach der Dialogbereitschaft Bahn, ein Handeln, dass ihm den Friedensnobelpreis einbrachte. 4

Beide Staaten konstituierten sich aus dem Systemgegensatz heraus und beide gingen unter als die bipolare Welt zusammenbrach. Die Bundesrepublik von heute ist nicht die des Kalten Krieges, die Etablierung des Fünf-Parteien-Systems ist der beste Beweis dafür. Wenn es dafür überhaupt noch einen brauchen würde.

Die vergleichende Forschung kann also hier neue Aspekte in die DDR-Geschichte bringen, vor allem aber auch die Akzeptanz der Forschungsarbeit auch unter denen erhöhen die einen großen Anteil ihrer Lebenszeit in diesem Staat verbracht haben und ihm auf die eine oder andere Weise verbunden waren. Die singuläre Erforschung des Systems ostwärts der Mauer impliziert ja auch immer eine Herabsetzung des Lebenswerkes eben jener Menschen. Damit sollen nicht jene geschützt werden die Unrecht begangen haben, sondern jene die einfach ihr Leben gelebt haben.

  1. http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften/id=257
  2. Giordano, Ralph: Die Partei hat immer recht.
  3. Ralph Giordano: „Die fehlende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat Folgen“, Deutschland-Archiv, 04/2009, S. 663.
  4. http://de.wikipedia.org/wiki/Willy_Brandt

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