Egal welche Kommentarspalte man anklickt, sie sind voll von jahrzehntealten Zitaten von Intellektuellen und Wissenschaftlern die vor der Kernenergie gewarnt haben.1 Das Risiko ist plötzlich für niemanden mehr tragbar. Die Kanzlerin ruft nun, unter dem Eindruck der verlorenen Landtagswahlen zu parteiübergreifender Diskussion in der Energiepolitik auf . 2 Spätestens die Schweigeminute  für einen Toten anstatt für 20.000 3 macht die Heuchelei unerträglich.

Niemand scheint darüber nachzudenken wie man den vielen tausend Tsunami-Opfern wirklich helfen kann, lieber wird jede Wolke weißen Rauches ähnlich ehrfürchtig kommentiert wie eine gleichfarbige über einem Konzil in Rom. 

Dabei sind die Gefahren der Kernenergie seit Jahrzehnten bekannt, eigentlich lange bevor es überhaupt einen “zivilen” Reaktor gab. Die beiden Atombombenabwürfe über Japan zeigten wohl recht deutlich welche Folgen eine unkontrollierte Kettenreaktion hat. Dennoch fanden sich erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts genug Menschen um immerhin den Neubau von Reaktoren zu verhindern. Wohlgemerkt in einer Zeit in der die Vernichtung durch einen Nuklearkrieg ebenfalls noch im Raum stand. 4 Tschernobyl und die Folgen des Uranabbaus in der Wismut 5 sollten auch dem letzten Deutschen die Folgen klar gemacht haben. Eine Abschaltung kam dennoch nur für eine Minderheit in Betracht. Jetzt interessieren nicht einmal die langfristigen Folgen eines schnellen Ausstieges. 6

Nun ist es müßig über das Verhalten in der Vergangenheit zu sprechen, dafür gab es, wie immer in historischen Nachschauen, wohl gute Gründe. Unverständlich ist viel mehr das aktuelle Verhalten. Lösungen für dezentrale Energieversorgung und intelligente Netze gibt es nicht erst seit gestern. (Siehe dazu auch: Dezentrale Energieversorgung – ein liberaler Traum) Jeder Verbraucher kann seinen Stromanbieter wechseln, jeder Verbraucher kann mit schaltbaren Steckerleisten und konsequentes Abschalten von unnützen Verbrauchern Strom sparen, von automatischen Thermostaten, effizienten Haushaltsgeräten und so weiter braucht man wohl gar nicht erst anfangen.

Aber in Deutschland hält man lieber Schilder mit roten Sonnen in den Himmel während man gleichzeitig volle UTMS-Netzabdeckung auch auf dem platten Land erwartet. Die gibt es dann nur noch wenn genug Sonne scheint oder Wind weht.  Denn die notwendigen Pumpspeicherwerke für die Grundlast will ja auch keiner vor der Tür haben. 7

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The Defense of Jisr al-Doreaa


Was ist COIN? COunterINsurgency und "Partnering" sind die bestimmenden Elemente in der aktualisierten NATO-Strategie für Afghanistan. Nur was bedeutet die Aufstandsbekämpfung und die Zusammenarbeit mit lokalen Kräften für den militärischen Führer vor Ort? Was heißt es als verantwortlicher Einheits- oder Teileinheitsführer auf einer Höhe oder in der Nähe eines Flusses einen COP (Combat Outpost) eingesetzt zu sein?

Offiziere wurden und werden im Führen eines Gefechts ausgebildet nur heute findet dieses Gefecht oft an der Lagekarte oder am Bildschirm statt. In den symmetrischen Konflikten der Vergangenheit waren die jungen Offiziere eingebunden in ein enges Korsett militärischer Strukturen. Sie führten ihre Einheiten zu klar definierten Angriffszielen oder verteidigten eng umrissene Geländeabschnitte gegen einen klar definierten, uniformierten Feind innerhalb einer bestimmten Zeitspanne.

Die Einsätze im Irak und Afghanistan stellten dieses Bild spätestens auf den Kopf. Militärische Operationen werden immer dezentraler. COIN erfordert viele kleine Stützpunkte die fast autonom operieren können und sollen. Zugführer und Kompaniechefs sind oft mit ihren Männern auf sich gestellt. Ständig leben sie mit der Bedrohung eines Gegners den man kaum erkennt und gleichzeitig mit der Herausforderung den Kontakt zur Bevölkerung nicht zu verlieren.

Von diesen Herausforderungen und den gemachten Erfahrungen eines Zugführers im Irak berichtet "The Defense of Jisr al-Doreaa". Zwei Captains der US-Army verarbeiten darin ihre Erfahrungen aus den Einsätzen im Irak.

Das, leider nur im englischen Original verfügbare, Buch ist gegliedert in 6, "Dreams" genannte, Kapitel die ähnlich dem Film “Und täglich grüßt das Murmeltier” immer mit der Befehlsausgabe an den 2nd Lieutenant Connors beginnen. Der 2nd Lt. bekommt den Auftrag einen COP in der Nähe des Dorfes al-Doreaa einzurichten. Im ersten “Dream” verzichtet er auf jegliche Unterstützungskräfte oder Übersetzer und rückt voller Tatendrang aus.

Angekommen im COP richtet sich der Zug ein, alles scheint ruhig, der 2nd Lt verzichtet auf eine umfangreiche Sicherung und kann sich auch nicht mit den Bewohnern des Dorfes verständigen. Alles scheint ruhig, die Soldaten beziehen ihre Nachtlager, Connors geht ebenfalls schlafen. Kurz vor Anbruch der Dämmerung geht dann alles schief, ein Selbstmordattentäter in einem Fahrzeug rast in den Außenposten und Mörserbeschuss setzt ein. Erst ein Apache-Angriff rettet die traurigen Reste des Zuges, 15 Soldaten sind gefallen. Der 2nd Lt taumelt in den nächsten Traum und alles beginnt von vorn.

Das Buch beschreibt eindrucksvoll und lebensnah den Lernprozess des Leutnants in einer neuen Lage. Es zeigt mit welchen Vorstellungen das US-Militär an einen solchen Einsatz herangegangen ist und welche Lehren aus den Erfahrungen gezogen worden sind. Das Buch richtet sich vor allem an den Fachmann, der Laie wird wohl seine Mühe mit den Abkürzungen und den taktischen Begriffen haben. Diese werden jedoch in einem Abkürzungsverzeichnis auch noch einmal erklärt.

Wer wissen will was COIN in der Praxis bedeutet und was man alles falsch machen kann in einem solchen Konflikt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Wer differenzierte Betrachtungen der Strategie an sich oder Ursachen solcher Konflikte sucht wird in diesem Buch enttäuscht.

Das Buch enthält auch noch eine Neuausgabe von “The Defence of Duffers Drift”.  Der Bericht eines britischen Offiziers aus dem Burenkrieg über die Verteidigung einer Furt ist ähnlich aufgebaut und stellte das Vorbild für “The Defense of Jisr a-Doreaa” dar.

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Ein Gewinner der Revolution


Egal wie die Revolutionen in den arabischen Staaten ausgehen werden, ein Gewinner steht schon mal fest: Hugo Chávez, der sozialistische Präsident Venezuelas. Durch den rasant gestiegenen Ölpreis, seit Dezember 2010 immerhin 20$ pro Barrel, treten die negativen Begleiterscheinungen seiner Verstaatlichungswut deutlich schwächer zu Tage.

In den letzten Jahren wurden große Teile der Industrie enteignet oder gegen Entschädigung verstaatlicht. Nicht nur die Ölindustrie, auch der Energiesektor, Telekommunikation, Stahlwerke, Banken  und zuletzt Zementfabriken. Letztere wurden verstaatlicht weil sie das ambitionierte Wohnungsbauprogramm der Regierung angeblich nicht ausreichend unterstützt haben. 1 Anstatt der avisierten 50.000 Wohnungen wurden im ersten Halbjahr 2010 gerade einmal 25.000 fertig gestellt. Hauptursache: Die von der Verstaatlichung betroffenen Firmen machen den Rohstoffmangel und die ausbleibenden Lieferungen aus den Staatsbetrieben für die Verzögerungen verantwortlich.

Durch die Wirtschaftskrise war der Ölpreis in 2009 stark eingebrochen, die Sozialprogramme des Präsidenten werden aber zu einem großen Teil aus den 60 Mrd. Dollar Gewinn des des staatlichen Ölkonzerns PDVSA finanziert. Durch die Krise wurde Chávez gezwungen viele seiner Programme, wie die ärztliche Versorgung in den Armenvierteln durch kubanische Ärzte oder die kostengünstige Versorgung mit importierten Lebensmitteln, stark zu kürzen oder ganz auszusetzen. Die Quittung kam dann mit den Parlamentswahlen 2010, erstmals in seiner Regierungszeit musste Chávez der Opposition die Hand reichen. 2

Gleichzeitig stagnieren trotz gestiegenem Ölpreis die Einnahmen aus der Förderung, die Produktionsraten des Staatskonzern sinken jährlich. In die Förderanlagen wurde nichts investiert, die Belegschaft nach dem Streik von 2002 meist nur noch nach politischen Kriterien ausgesucht und viele Facharbeiten wandern aufgrund der besseren Verdienstmöglichkeiten in andere Staaten ab.

Ohne die politischen Umwälzungen in Tunesien, Ägypten und vor Allem die anhaltende Unsicherheit über die weitere Entwicklung in Libyen wären die Einnahmen Venezuelas aus dem Ölgeschäft also wesentlich geringer, die Machtbasis des Präsidenten dementsprechend deutlich labiler. Kein Wunder also das Chávez den lybischen Staatschef auch über Twitter zum Durchhalten ermuntert. 3 Jeder Tag der Unsicherheit spült dringend benötigte Devisen in seine Kassen.

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